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Victor Klemperers Tagebucheintrag über den bevorstehenden Boykott jüdischer Geschäfte (31. März 1933)

Das von Hitler und der NSDAP propagierte Weltbild interpretierte die Geschichte der Menschheit als einen fortwährenden, erbitterten Kampf zwischen hoch- und minderwertigen Rassen. Das Regime verstand das Judentum als den gefährlichsten Feind des deutschen Volkes, dessen angebliche Infiltration die Nation seit langem vergiftete und dadurch die Verantwortung für Deutschlands militärische, geopolitische und wirtschaftliche Schwächung trug. Hitler sah es als seine historische Aufgabe an, den angeblichen Prozess der Infiltration und biologischen Verunreinigung des deutschen Volkes rückgängig zu machen und dessen rassische Feinde, insbesondere die Juden, zu entfernen. Rassistischer Antisemitismus wurde schnell das bezeichnendste Merkmal des NS-Regimes, das sämtliche Staats- und Parteiinstanzen für seine Rassenpolitik mobilisierte. Der erste zentral organisierte Schritt gegen Deutschlands rund 500.000 Juden, die laut Hitler zu einer zerstörerischen Weltverschwörung gehörten, war der von Propagandaminister Joseph Goebbels organisierte landesweite Boykott gegen jüdische Geschäfte und Firmen. Diese Aktion sollte auch zur Beschwichtigung der ungeduldigsten SA- und NSDAP-Anhänger dienen, die eine schnelle Lösung der „Judenfrage“ forderten. Einer der von der neuen NS-Rassenpolitik persönlich betroffenen Zeitzeugen war der Dresdener Schriftsteller und Philologe Victor Klemperer (1881-1960), der aus einer jüdischen Familie stammte, aber schon 1912 zum Protestantismus konvertiert war. Durch seine Ehe mit einer „Arierin“ sowie wegen seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg hatte Klemperer verschiedene „Privilegien“ während der NS-Zeit, die ihn vor den gefährlichsten Maßnahmen der staatlichen Judenverfolgung schützten. (1935 wurde er aber auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von seiner Tätigkeit als Professor an der Technischen Hochschule Dresden „entpflichtet“.) In dem folgenden Auszug seines Tagebucheintrages vom 31. März 1933 kommentierte Klemperer den bevorstehenden Boykott und gab allgemeine Eindrücke der neuen Realität in Deutschland.

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31. März, Freitag abend

Immer trostloser. Morgen beginnt der Boykott. Gelbe Plakate, Wachen. Zwang, christlichen Angestellten zwei Monatsgehälter zu zahlen, jüdische zu entlassen. Auf den erschütternden Brief der Juden an den Reichspräsidenten und die Regierung keine Antwort. [ . . . ] Niemand wagt sich vor. Die Dresdener Studentenschaft hat heute Erklärung: geschlossen hinter . . . und es ist gegen die Ehre deutscher Studenten, mit Juden in Berührung zu kommen. Der Zutritt zum Studentenhaus ist ihnen verboten. Mit wieviel jüdischem Geld wurde vor wenigen Jahren dies Studentenhaus gebaut!

In München sind jüdische Dozenten bereits am Betreten der Universität verhindert worden.

Der Aufruf und Befehl des Boykottkomitees ordnet an: »Religion ist gleichgültig«, es kommt nur auf die Rasse an. Wenn bei Geschäftsinhabern der Mann Jude, die Frau Christin ist oder umgekehrt: so gilt das Geschäft als jüdisch. –

Gestern abend bei Gusti Wieghardt. Gedrückteste Stimmung. In der Nacht gegen drei – Eva schlaflos – riet mir Eva, heute die Wohnung zu kündigen, um eventuell einen Teil davon wieder zu mieten. Ich habe heute gekündigt. Die Zukunft ist ganz ungewiß. [ . . . ]

Am Dienstag im neuen »Universum«-Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch, und sein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsbergreklame lief. Er: »Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen.« Sie: »Es ist aber so furchtbar billig.« Er: »Dann ist es schlecht und hält nicht.« Sie, überlegend, ganz sachlich, ohne alles Pathos: »Nein, wirklich, es ist ganz genau so gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.« Er: schweigt. – Als Hitler, Hindenburg etc. erschienen, klatschte er begeistert. Nachher bei dem gänzlich amerikanisch jazzbandischen, stellenweise deutlich jüdelnden Film klatschte er noch begeisterter.

Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme eines uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus [ . . . ]. Man sah Fackelzug und allerlei marschierendes, erwachendes Deutschland. Auch Danzig mit Hakenkreuzflagge.[ . . . ]



Quelle: Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzen. Tagebücher 1933-1941. Berlin: Aufbau-Verlag, 1995, S. 16-17.

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