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Umfragen deuten auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl auch nach vier Jahrzehnten der Teilung hin (23. Oktober 1989)

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So erfanden wir die „Schwarzmeer-Frage“. Sie lautete: „Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie machen Ferien am Schwarzen Meer. Eines Tages lernen Sie dort einen anderen Deutschen kennen. Im Gespräch erfahren Sie, daß er aus der DDR kommt, in der DDR wohnt. Was denken Sie da wohl im ersten Moment, wenn Sie das erfahren?“ Dazu überreichte der Interviewer neun Karten und sagte: „Sehen Sie doch bitte diese Karten einmal an: Was davon träfe zu?“ Die Strukturierung durch Karten mit vorgeschlagenen Antworten war erforderlich, um über längere Zeit hinweg die Entwicklung von Einstellungen vergleichbar zu verfolgen. Die vorgeschlagenen Antworten waren so ausgewählt, daß vier ein Gefühl nationaler Verbundenheit oder zumindest einer besonderen Beteiligung anzeigten, fünf deuteten auf Entfremdung.

Die Frage wurde zwischen 1970 und 1989 zwölfmal an einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt gerichtet. Die Ergebnisse zeigten, daß unterhalb der Tagesaktualität, in der die deutsche Einheit keine Rolle spielte, ein Empfindungsstrom lief, der wie unberührt von der Dauer der Zeitspanne der deutschen Teilung blieb.

An der Spitze steht die Aussage: „Ich wäre neugierig, mich mit ihm zu unterhalten“: 71 Prozent 1970, 71 Prozent Anfang 1989. Es zeigt sich nichts von der vielfach vermuteten Interessen- und Teilnahmslosigkeit.

„Ich würde mich freuen“, sagten 1970 61 Prozent, 19 Jahre später 57 Prozent. „Ich glaube, wir würden uns als Deutsche im Ausland gut verstehen“, meinten 1970 59 Prozent, Anfang 1989 54 Prozent. „Ich würde vorschlagen, daß wir zusammen etwas trinken“, stellten sich 1970 45 Prozent und 1989 51 Prozent vor.

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Die unter Dreißigjährigen zeigen immer eine Tendenz, meist allerdings schwach, in der Richtung einer größeren Entfernung zum zweiten deutschen Staat. Heißt das, daß sich doch langsam eine Kluft öffnet? Aus dem Material heraus läßt sich das widerlegen. Denn wenn es so wäre, daß sich mit den Aussagen der Jungen eine beginnende Trennung im Nationalgefühl anzeigt, müßte sich diese Trennung über rund zwei Jahrzehnte hinweg langsam fortsetzen, stärker werden. Da sich aber die tatsächlichen Ergebnisse nicht verändert haben, muß man interpretieren, daß die junge Generation allmählich in das deutsche Zusammengehörigkeitsgefühl hineinwächst und daß man diese kleine Distanz nicht als eine Prognose der Zukunft nehmen kann, sondern als ein interessantes Symptom, wie ein derartiges Hereinwachsen vor sich geht.

Angesichts der seit 1970 so gut wie vollständig aufgegebenen Hoffnungen oder Erwartungen, es könne eine deutsche Wiedervereinigung geben, entwickelten wir 1973 eine weitere Meßfrage: „Hier steht ein Satz aus dem Grundgesetz – wenn Sie ihn bitte einmal lesen.“ Der Interviewer übergibt ein Blatt mit dem Text: „Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“ Es folgt die Frage: „Was meinen Sie: Soll dieser Satz auch weiterhin im Grundgesetz stehen, oder finden Sie, der sollte gestrichen werden?“ – „Er sollte weiter im Grundgesetz stehen“, sagten 1973 73 Prozent und Anfang 1989 75 Prozent.

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