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Britischer Kommentar zur Reiselust der Deutschen (5. April 1984)

Ein britischer Journalist wundert sich Mitte der achtziger Jahre über die deutsche Tourismusbegeisterung, die die Bürger der Bundesrepublik zu Urlaubsweltmeistern, insbesondere im Süden, werden ließ. Der westdeutsche Handelsbilanzüberschuss wurde durch die Ausgaben der Urlauber im Ausland ausgeglichen.

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Die Reiselust von 26 Mio. Deutschen


Trifft man in den hintersten Winkeln Afrikas, an den abgelegensten Inselküsten oder in voll ausgestatteten Wohnwagen Pioniertouristen, dann handelt es sich sehr wahrscheinlich um Deutsche. Denn die Deutschen sind die größten Weltenbummler überhaupt, und manch eleganter Urlaubsort verdankt sein Bestehen ausschließlich der teutonischen Reiselust.

Im letzten Jahr brachen über 26 Millionen deutsche Touristen in den Urlaub auf, davon 16 Millionen ins Ausland – mehr als aus jedem anderen Land der Welt, wenn man solche Besonderheiten wie Monaco und Kuwait außer Acht läßt. Der Sommerurlaub im Ausland ist so heilig wie das Auto und eines der letzten Dinge, die trotz schlechter Zeiten zuletzt aufgegeben werden. Obwohl 1983 die Höhe der Geldsummen, die deutsche Touristen im Ausland ausgaben, zum ersten Mal seit 1967 sank – um 2,6 Prozent –, blieb es dennoch ein eindrucksvoller Betrag: 38.400 Millionen DM (10.130 Millionen Pfund)

Wohin fahren sie alle? Vorwiegend natürlich gen Süden in die Sonne, nach Italien, Österreich und Spanien, in die Türkei und nach Jugoslawien, wo die Einheimischen jetzt ihre Speisekarten selbstverständlich auf Deutsch erstellen und einem, es sei denn, man verbessert sie, einen „Guten Morgen“ wünschen. Die Lieblingsziele bleiben unverändert, wobei Italien in absoluten Zahlen an erster Stelle liegt (wo 43 Prozent aller Touristen Deutsche sind) und auf dem zweiten Platz Österreich (wo die Deutschen 70 Prozent aller Touristen ausmachen). Die Briten belegen noch immer die Spitzenposition in Spanien, Portugal und Griechenland, doch die Deutschen stellen die größte Gruppe in der Türkei, in Jugoslawien und in der Schweiz.

Von Jahr zu Jahr ergeben sich Veränderungen, die von der Mode, der Kaufkraft der immer willkommenen DM und vom Wetter abhängig sind. Die Hitzewelle im letzten Jahr ließ die Aussicht auf eine Reise nach Norden weniger entmutigend erscheinen, und so zogen Großbritannien, die Niederlande und Dänemark mehr Deutsche an als im Vorjahr.

Dagegen bezahlte Osteuropa – ausgenommen natürlich Ostdeutschland – den Preis für seine mangelhaften Einrichtungen und Desorganisation: Die Pioniere sind weitergezogen zu den neuen „angesagten“ Gegenden in Afrika und Asien, und die Rentner sind abgeschreckt worden durch Horrorgeschichten über Billigurlaube in Rumänien und Bulgarien.

Deutsche sind bemerkenswert unabhängige Urlauber. Die meisten reisen mit dem Auto, 70 Prozent machen sich auf eigene Faust auf den Weg und treffen ihre eigenen Vorbereitungen. Gleichwohl legt die Tendenz, sich in etablierten Kolonien auf Europas Campingplätzen versammeln, es nahe, dass der gesellige Instinkt oder zumindest eine Vorliebe für ein sauberes und ordentliches Umfeld nicht vollends überwunden worden ist.

Aber die Reiseindustrie ist in Deutschland noch immer ein großes Geschäft. Deutsche Zeitungen bringen regelmäßig umfängliche Reisebeilagen und die großen Handelsketten beobachten jegliche Veränderung auf den Urlaubsmarkt sehr aufmerksam, da sie einen Unterschied von mehreren Millionen DM bei ihrem Umsatz ausmacht. Die heutige Spielart des deutschen Wandertriebs ist verantwortlich für riesige Flächen von Zeltvillen und immer ausgeklügeltere Paläste auf Rädern mit ihren Kennzeichen D, die Europas Campingplätze zieren.

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