GHDI logo


Frau Marion Beymes Erinnerungen an Marburg und Berlin während der NS-Zeit (Rückblick)

Die Frage nach der gesellschaftlichen Basis des NS-Regimes, insbesondere was die Ausführung der radikalsten Elemente seiner Sozial- und Rassenpolitik angeht, beschäftigt Historiker seit geraumer Zeit. Der folgende Rückblick einer Zeitzeugin, die das Dritte Reich als junge Frau erlebte, geht teilweise auf diese Problematik ein. Dabei vermittelt sie ihre persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Formen von Anpassung, Ungehorsam und Widerstand, die im ständigen Wechselspiel mit staatlichem Zwang und Verführung standen.

Druckfassung     Dokumenten-Liste letztes Dokument im vorherigen Kapitel      nächstes Dokument

Seite 1 von 12


»Es ist ja nicht jeder ein Held.«


Marburg ist für seine schöne Lage, die jahrhundertealte Universität und Bibliothek sowie andere kulturelle Schätze bekannt; dort leben und arbeiten auch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm. Kinder und Eltern in aller Welt wissen, daß die von ihnen gesammelten Märchen nicht nur voller Prüfungen für die Helden, sondern auch voller Grausamkeit und Gewalt sind und zumeist erst enden, wenn eine behertzter Held die weibliche Hauptfigur, das Königreich oder beides gerettet und auch gleichzeitig als Lohn erhalten hat.

Für einige Deutsche fing in den zwanziger Jahren eine andere, größere Geschichte um ein Reich gerade erst an. Die gebürtige Marburgerin Marion Beck* hatte jedenfalls das perfekte Aussehen für die Rolle der teutonischen Märchenprinzessin. Sie war groß, blond und – ihrem beeindruckenden Äußeren im Alter zwischen siebzig und achtzig nach zu urteilen – außergewöhnlich hübsch. Auch sie gehörte zu den deutschen Jugendlichen, die von der scheinbar heroischen Nazi-Bewegung angezogen wurden.

Für sie und ihre Klassenkamaradinnen kam die Verlockung früh, schon um das Jahr 1928. Marion war damals etwa siebzehn. »Da bin ich mit anderen jungen Mädchen zu einem Büro hier gegangen, das nannte sich Opferring. Das war so eine Vorstufe von der Partei oder so. Das gab’s hier noch nicht so richtig, die Partei. Das konnte man was opfern. Geld opfern, hinbringen. Das war schon so was Nationalsozialistisches. Und wir waren voller Begeisterung und sind da hinmarschiert. Aber das hab ich jedenfalls nur ein einziges Mal getan, daß ich hingegangen bin, und hab’ – ich weiß nicht, drei Mark oder was bezahlt, daß die irgendwie Gutes damit tun konnten.«

Wäre diese Geste im Elternhaus auf Ermunterung oder Gleichgültigkeit gestoßen, hätte Marions Entwicklung vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Doch als sie von der Spende hörte, »hat meine Mutter, die sehr politisch dachte und sehr wachsam war, mich aufgeklärt. Sie hat gesagt, was für Gefahren kommen, wie entsetzlich sie das alles findet, und sie hat schon geahnt, daß es Krieg geben könnte. Meine Mutter war sehr hellhörig und hellsichtig.« Und mit Marions beginnendem Enthusiasmus für den Nationalsozialismus »war es dann vorbei.« Doch die größere Geschichte hatte gerade erst begonnen.

Viele Jahre nach unserem ersten Treffen erwähnte Frau Beyme, ihr Vater – ein Richter – sei während des Krieges zur Aburteilung von Desertionsfällen eingesetzt worden. Sie meinte, er habe so viel Mitgefühl mit den verängstigten jungen Soldaten gehabt, die vor den Gefechten davongelaufen waren, daß er sich nicht in der Lage sah, sie zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen, und die Weiterführung seiner Tätigkeit verweigerte. Zur Strafe wurde er selbst an die Front geschickt. Dort kam er in einer Schlacht ums Leben.

Die Hinterbliebenen – seine Frau Klara und die Kinder Marion und Joachim – kannten den potentiellen Preis für Widerstand gegen die Regierung gut.

Auch dank ihrer Eltern hat Frau Beyme ein klares Bewußtsein davon, kein Nazi gewesen zu sein. Doch zu Beginn unseres Interviews erklärte sie mir, sie sei nicht die »aktive Anti-Nazi« gewesen, als die sie von dem Amerikaner beschrieben worden war, der uns miteinander in Verbindung gebracht hatte. Ein aktiver Anti-Nazi sei jemand gewesen, der einen Juden versteckt oder irgend etwas in dieser Richtung getan habe. Und so etwas, meinte sie, habe sie nicht gemacht.

Zunächst war ich enttäuscht, aber dann fand ich Frau Beyme doch faszinierender, als ich erwartet hatte. Es ist ja einfach, Helden oder Kriminelle oder auch Mitläufer anhand ihrer Reaktionen auf das »Dritte Reich« zu beurteilen; viel schwieriger ist das bei einer Person, die dem »Dritten Reich« mehr mit Herz und Hirn entgegenstand als mit Leib und Leben, einer Person, die nicht bei den Nazis mitmachte, aber auch nicht gegen sie anging – einer Person, die im Fazit eine passive Nazigegnerin war.


* Alle Namen hier sind verändert.

erste Seite < vorherige Seite   |   nächste Seite > letzte Seite