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Die Bücherverbrennung: Berichterstattung von Louis P. Lochner, Leiter des Büros der Associated Press (10. Mai 1933)

Im Mai und Juni 1933 organisierten der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) und die Deutsche Studentenschaft (DSt) zusammen mit SS- und SA-Anhängern landesweite „Reinigungsaktionen“ von Bibliotheken gegen angeblich „undeutsche“ Literatur, die in einer Welle von öffentlichen Bücherverbrennungen mündeten. Das spektakulärste Ereignis war die Verbrennung von ungefähr 20,000 Werken auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai, das von einer hetzerischen Ansprache Goebbels' begleitet wurde. Dabei wurden die einzelnen Bücher je einer von insgesamt neun Kategorien, wie z.B. bolschewistisch, jüdisch-demokratisch, oder moralisch verfallen, zugeteilt. Der Diffamierung und Vernichtung fielen u.a. die Werke bedeutender Autoren wie Heinrich und Thomas Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Sigmund Freud und Bertolt Brecht zum Opfer. Ab September 1933 wurde die Verdrängung „undeutscher“ Literatur aus dem Kulturbereich durch die Goebbels unterstellte Reichskulturkammer mittels Zensur und Berufsverboten zentral betrieben. Insgesamt verließen etwa 2.500 Schriftsteller Deutschland während der NS-Zeit. Andererseits profitierten all jene Autoren, deren konservative, militaristische oder völkische Werke sich als Propagandainstrumente anboten. In dem folgenden Bericht schildert der Journalist Louis P. Lochner seine Eindrücke von der Bücherverbrennung.

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Die ganze zivilisierte Welt war erschüttert, als am Abend des 10. Mai 1933 die Bücher von Autoren, die den Nazis missfielen, sogar einschließlich die unserer eigenen Helen Keller, feierlich auf dem riesigen Franz-Josefs-Platz zwischen der Berliner Universität und der Staatsoper an der Straße Unter den Linden verbrannt wurden. Ich war eine Zeugin dieser Geschehnisse.

Den ganzen Nachmittag lang waren Nazitrupps in öffentliche und private Bibliotheken gegangen und hatten Bücher, die Dr. Goebbels’ höhere Weisheit als für Nazideutschland ungeeignet erachtet, auf die Straße geworfen. Dort hatten Nazikolonnen von Bierhallenkämpfern diese ausrangierten Bände aufgehoben und sie zu oben genanntem Platz gebracht.

Hier wurde der Bücherhaufen immer größer, und alle paar Minuten traf eine neue grölende Meute ein und warf weitere Bücher auf den eindrucksvollen Scheiterhaufen. Bei Einbruch der Nacht führten dann die Universitätsstudenten unter Anleitung des kleinen Doktors regelrechte Indianertänze auf und skandierten Beschwörungsformeln, während die Flammen in den Himmel stiegen. Als die Orgie ihren Höhepunkt erreicht hatte, fuhr eine Autokavalkade vor. Es war der Propagandaminister höchstpersönlich in Begleitung seiner Leibgarde und einer Anzahl Fackelträgerkameraden der neuen Nazi-Kultur. „Meine Kommilitonen! Deutsche Männer und Frauen!“, rief er, als er ans Mikrofon schritt, auf dass ganz Deutschland ihn hören möge. „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Wesen wieder die Gasse frei gemacht.“ [ . . . ] Deshalb tut ihr gut daran, in dieser mitternächtlichen Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Es ist eine große, starke und symbolische Handlung, die vor aller Welt dokumentieren soll, hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden. Aber aus den Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes. [ . . . ] Das Alte liegt in den Flammen, das Neue wird aus der Flamme unseres eigenen Herzens wieder emporsteigen. [ . . . ] Und wie so oft [ . . . ] schließen wir uns zusammen in einem Gelöbnis, [ . . . ] – in demselben Gelöbnis, das heute wieder unter diesem Himmel und umleuchtet von dieser Flamme ein Schwur sein soll: Das Reich und die Nation und unser Führer Adolf Hitler: Heil! Heil! Heil!“



Quelle: Louis P. Lochner, Hg., The Goebbels Diaries 1942-43. Washington, DC, 1948, S. 177-80; abgedruckt in Jeremy Noakes und Geoffrey Pridham, Hg., Nazism, 1919-1945, Band 2: State, Economy and Society 1933-1939. Exeter: University of Exeter Press, 2000, S. 207-08.

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