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Friedensbewegung und die deutsche Außenpolitik (19. Oktober 1981)

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Dies ist allerdings nur eine von mehreren Erklärungen. Die deutsche Demokratie schafft sich auch aus ihrer eigenen Logik heraus Angriffspunkte: So wurde die Wehrdienstverweigerung auf Anhieb so sehr respektiert, daß sie fast zur Regel werden konnte.

Und der Unterricht durch eine ganze Generation junger Lehrer, welche die bestehende Gesellschaft als an sich pervers darstellen, hat ebenso viele Auswirkungen gehabt wie die Rechtsverweigerungen und die Verständnislosigkeit des Establishments.

Die Etablierten wiederum sind auf ihre Weise auch Anhänger einer „Ohne uns"-Haltung. Denn für sie gilt als selbstverständlich, daß die Bundesrepublik in der Welt keinerlei Verantwortung übernehmen darf, wie stark ihre wirtschaftliche Macht auch sein mag. Die Außenwelt akzeptiert nur ein zaghaftes und geducktes Deutschland.

Sicherlich spielt die Angst vor dem Atomtod eine Rolle. In einem anderen internationalen, sozialen und politischen Klima wäre sie zweifellos weniger intensiv. Die untereinander zerstrittenen Führer der Sozialdemokratie, die steigende Arbeitslosigkeit, das Brodeln in Polen, das zu zeigen scheint, daß unter sowjetischer Herrschaft Freiräume möglich sind: Die Ausgangspunkte für eine Destabilisierung sind zahlreich.

Zu sagen, sie habe die sehr festverankerte, dreißigjährige Stabilität in der Bundesrepublik bereits abgelöst, wäre zumindest verfrüht. Die Bundesrepublik hat schon andere moralische Krisen durchlebt, ohne dadurch ihre grundlegende Orientierung zu verlieren. Aber die derzeitige Krise ist zweifellos die schwerste.



Quelle: Alfred Grosser, „Diese Krise ist die schwerste“, Der Spiegel, 19. Oktober 1981, S. 34-35.

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