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Protestbewegung vermeintlich am Ende (15. März 1975)

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Mit der neuen Formation „Spartakus" (und einigen anderen erklärtermaßen kommunistischen Gruppen und Grüppchen) hat die Revolution ihr „kosmopolitisches" Flair verloren; sie ist provinziell geworden, kleinkariert, borniert und erschöpft sich überwiegend im Streit um die richtige Exegese des jeweils heilverheißenden Textes. Sie beansprucht nicht mehr die „Allzuständigkeit" für die Probleme dieser Welt, sondern bescheidet sich in manchmal geradezu penetranter und kleinlicher Weise mit der Artikulation „studentischer Interessen". So sehr unterscheidet sich diese neue Studentengeneration auf den ersten Blick gar nicht von jener älteren „schweigenden" oder „skeptischen" Generation der fünfziger und frühen sechziger Jahre, die ja auch gelegentlich gegen die Erhöhung von Straßenbahn- und Mensatarifen mit säuberlich beschrifteten Papptafeln zu Felde zog.

Trotz aller nach wie vor vorhandenen (und auch heute noch an Uniwänden ablesbaren) revolutionären Parolen – es ist schwerlich zu übersehen, daß kaum jemand mehr ernsthaft revolutionären Situationsdeutungen anhängt. Die Revolution liegt auf Eis. Die Revolutionäre schöpfen Atem. Diese „Atempause" bewirkte vor allem den Rückzug der Revolution aus der Öffentlichkeit. Sie findet wieder – hierzulande deutsch-gründlich – im Saale statt, in Hörsälen oder auf Versammlungen der SPD-Linken. Die ungewohnte Nüchternheit bezeugt in der Tat mehr Erschöpfung als trügerische Ruhe vor dem neuen Sturm. Die Revolutionäre sind müde traurig desillusioniert. Nur gegen alles zu sein, ist letztlich anstrengender, als sich einer Idee, einem Auftrag, einer Verpflichtung restlos unterzuordnen, sich ganz und gar an eine Sache hinzugeben.

Eben diese Geborgenheit und Identifikation aber, die aus der Hingabe an eine Aufgabe erwächst, konnte die antiautoritäre Neue Linke nie recht finden. Sie haben ein eindeutiges Thema, ihre unverwechselbare Aufgabe nie gefunden. Eine Zeitlang schien es, als wäre ihnen dies mit der dritten Welt, der Beschäftigung mit Krieg, Not, Hunger und Elend in den Randzonen der Wohlstandswelt gelungen. Die Identifikation mit den Revolutionären der dritten Welt versprach Anleitung und Auftrieb für die eigenen revolutionären Bestrebungen. Indem man eine weltweite Einheitsfront der Unterdrückten fingierte, machte man sich selbst Mut, wies dem eigenen Aufbegehren wieder Sinn und Weg, wertete sich selbst zu einem wichtigen Faktor des globalen Gesamtkonflikts auf.

Gerade den weitsichtigeren und kritischeren Theoretikern der Neuen Linken blieb indes nicht verborgen, wieviel heimliche Interessenwahrung, wieviel „private" Interessiertheit in diese Orientierung mit einging, wie wenig tragfähig mithin dieses Konzept selbst auf Dauer war. Das realpolitische Scheitern und damit auch die Frustrationen, der Rückfall in Mutlosigkeit und Verzweiflung waren unschwer zu prognostizieren. Die politische Entwicklung in Kuba, China und Vietnam bewirkte ein übriges. Was so hoffnungsvoll begonnen hatte, was die Welt von einem Augenblick auf den anderen wieder „jung" erscheinen ließ: die Wiederentdeckung des Menschen, das Gefühl weltweiter Verbundenheit, die Rückbesinnung auf Individualität, Spontaneität und die Berge versetzende Kraft des menschlichen Willens – dies alles versprühte wie ein Feuerwerk. Der antiautoritäre Überschwang ist verflogen. Man orientiert sich neu irgendwo zwischen Subkultur und Parteikommunismus.

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