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3. Reformation
1. AUGENZEUGEN UND FAMILIEN   |   2. REGIERUNG   |   3. REFORMATION   |   4. KONFESSIONEN


A. Vor der Reformation

Die stark polarisierten religiösen Ansichten des Mittelalters ließen die im 16. Jahrhundert folgende Spaltung bereits vorausahnen. Auf der einen Seite stand ein reichhaltiges Leben der Rituale, dass zur Externalisierung im Sinne von Standardisierung und Quantifizierung neigte. Das mittelalterliche System wie es von den meisten Laien praktiziert wurde, spiegelte das Prinzip: „Ich gebe, damit du gibst“ [do ut des] wieder. Diese „Heilsarithmetik“ wurde durch die wachsende Beliebtheit von Ablassbriefen sowie den aufkeimenden Heiligenkult zunehmend problematisch. Neben den sieben 1215 durch die Kirche anerkannten Sakramenten spielten die kleineren Weihehandlungen wie z.B. das saisonale Segnen der Felder, Prozessionen, Passionsspiele, sowie der vorsorgende Gebrauch von Hostien eine wichtige Rolle in der Beziehung der Gläubigen zum Göttlichen.

Die andere wesentliche Glaubensrichtung betonte die Internalisierung in Form mystischer Praktiken und neuer Formen der Frömmigkeit wie der „zeitgemäßen Frömmigkeit“ [devotio moderna], welche die persönliche spirituelle Erfahrung betonte. Der bekannteste Text in diesem Zusammenhang, Die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen (1380-1471), wurde ursprünglich auf Latein verfasst, jedoch bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts in zahlreiche Sprachen, einschließlich ins Deutsche, übersetzt. Johannes Tauler (ca. 1300-1361), ein Schüler des Mystikers Meister Eckhart (ca. 1260-1328), wandelte die zutiefst abstrakte religiöse Lehre seines Lehrers (von deren Aussagen einige 1329 für ketzerisch erklärt wurden) in eine konkretere Botschaft über die Bedeutung der persönlichen Wandlung, Aufrichtigkeit und moralischen Besserung um. Tauler verfasste seine berühmten Predigten für die Dominikanernonnen in Straßburg, deren Prediger er war. Man geht davon aus, dass seine Gedanken den jungen Martin Luther beeinflusst haben. Dasselbe lässt sich von der Theologia Deutsch sagen, einem anonymen, in umgangssprachlichem Deutsch verfassten Traktat aus dem 14. Jahrhundert. Luther, der den Text in zwei kommentierten Ausgaben 1516 und 1518 veröffentlichte, soll angemerkt haben, dieses Buch habe ihn nach der Bibel und den Confessiones des Hl. Augustinus am meisten über Gott, Christus, den Menschen und die Welt gelehrt. Luther berief sich sowohl auf die Theologia Deutsch als auch auf Taulers Schriften als Beweis dafür, dass seine eigene Lehre keine Neuerfindung, sondern die Fortsetzung orthodoxer Ideen sei. (Tatsächlich wurden diese mystischen Werke – wie die Zensur Eckharts zeigt – von der Kirche schon seit längerem für verdächtig gehalten.) Luther zog außerdem die Schriften des böhmischen Theologen Jan Hus (ca. 1372-1415) als Beweis dafür heran, dass er in einer Tradition von Reformern stand. Er tat dies in Missachtung der Autorität des Generalkonzils, welches Hus 1415 in Konstanz wegen Ketzerei zum Tode verurteilt hatte. Hus hatte gelehrt, dass die Laien beide Formen des Abendmahls erhalten sollten (Brot und Wein; diese Position wird als „Utraquismus“ bezeichnet). Zudem hatte er den Ablasshandel kritisiert und befürwortete die Priesterehe.

Um 1500 gab es eine Anzahl von Predigern, welche ihre Predigten in der Umgangssprache hielten und die Sittenlosigkeit scharf verurteilten. Der bekannteste unter ihnen war Johann Geiler von Keysersberg (1455-1510), ein Elsässer, der seine im Straßburger Dom gehaltenen Predigten mit Volkssprüchen, Sprichwörtern, Anekdoten, komplizierten Metaphern und strengen Ermahnungen zu Besserung und gemeinschaftlicher Sittlichkeit durchzog. Er forderte beispielsweise, dass Wucherer – zu denen die meisten Kaufleute der Zeit gezählt wurden – mit Exkommunikation bestraft werden sollten. Vielleicht ebenso fesselnd waren die Predigten der Wanderprediger, von denen auch einige Ablass predigten. Zu diesen gehörte der Dominikaner Johann Tetzel (1465-1519), der seine Zuhörer glauben machte, dass Ablassbriefe die Zeit, die ihre verstorbenen Angehörigen sowie sie selbst im Fegefeuer zubringen müssen, verkürzen würden. Zu diesem Zeitpunkt war der Ablasshandel ein gut organisiertes kommerzielles Unternehmen von Priestern, die unter anderem gedruckte Materialien benutzten. Als direkte Reaktion auf eine von Tetzels Reisen durch Sachsen – im Auftrag des Erzbischofs von Mainz und Magdeburg – verfasste Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel, welche im Rückblick als Beginn der protestantischen Reformation gelten.


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