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Der Journalist Johannes Gross plädiert für eine urbanere Berliner Republik (1995)

Frustriert vom Provinzialismus der Politik und dem Mangel an Kommunikation unter den Bonner Eliten, plädiert der Journalist Johannes Gross für die Herausbildung eines urbaneren und kosmopolitischeren Politikstils in Berlin, der der gewachsenen Bedeutung der größeren Bundesrepublik entspricht.

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Die Hauptstadt


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Bonn, die Hauptstadt ohne alle historische Voraussetzung, sich am meisten der Nähe zur Wohnung des alten Adenauer verdankend, war ein Symbol für eine den Deutschen höchst erwünschte Diskontinuität der deutschen Geschichte. Ihr Name schien schon dafür zu bürgen, daß keine deutsche Machtpolitik mehr betrieben werde, daß überhaupt die Politik von nun an eher idyllisch als gefährlich sein werde und keiner übertriebenen Beachtung wert; Politik war nicht das Wichtigste im Leben der Nation.

Dem hat der Bonner politische Stil entsprochen. Die Politik lebte wie eine Einquartierung in Bonn, isoliert vom altstädtischen Treiben, nur die Beamten ansässig und in ihren Neubauten auf engem Raum einen In-sich-Verkehr pflegend. Die Parlamentarier suchen die Hauptstadt nur in Sitzungswochen auf – vom Montagnachmittag bis zum Freitagmittag –, wohnen ohne Familie in Kleinappartements und verbringen ihre Freizeit in den vielen Stätten, die für sie bereitgehalten werden und wo sie wenig oder gar nichts zahlen müssen. Ein Kontakt zur Welt außerhalb von Fraktion, Parlament, heimatlicher Landesvertretung oder nahestehendem Interessenverband ist regelmäßig nicht vorgesehen. [ . . . ] Es folgt, daß der Bonner politische Stil immer einer der Selbstisolation in der Politik von der Gesellschaft war, auch der Selbstisolation ihrer Mitglieder untereinander. In Bonn gemachte Politik war darum immer vermittelt, durch förmliche Konferenzen, durch Presseerklärungen, deren Adressat oft nicht die Öffentlichkeit, sondern jemand war, der unter anderen Verhältnissen informeller Gesprächspartner hätte sein können, und durch die Alimentierung der Medien.

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