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Der Theologe Richard Schröder ruft zu einem demokratischen Patriotismus auf (1993)

Um die Emotionen rund um das Konzept einer Nation zu dämpfen, denkt der ostdeutsche Theologe Richard Schröder über die komplizierte Bedeutung des „Deutschseins“ nach, das er in einer gemeinsamen Verantwortung für die Geschichte und in gegenseitiger Solidarität ansiedelt und eher in der Staatsbürgerschaft denn in der Volkszugehörigkeit begründet.

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„Ich bin Deutscher“, was heißt das?



Was meinen wir, wenn wir, Deutsche Ost und Deutsche West, jetzt sagen: „Wir sind Deutsche“?

Ich antworte: nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes. Wenn jemand sagt: „Ich bin Tischler“, dann behauptet er ja auch nicht, daß dieser Beruf allen anderen weit überlegen sei, sondern: unter vielen ehrenwerten Berufen ist dies nun gerade mein Beruf. In dem kenne ich mich aus, in anderen nicht oder jedenfalls schlechter. Obwohl wir Deutschen vierzig Jahre in getrennten Staaten gelebt haben, sind die Gemeinsamkeiten zwischen uns offenbar viel größer als die zwischen Serben und Kroaten, die doch (mit viereinhalb Jahren Unterbrechung) 73 Jahre lang in einem Staat zusammengelebt haben. Dieses selbstverständliche Zusammengehören ist ja von den vielen Millionen Flüchtlingen, die die DDR in vierzig Jahren verlassen haben, faktisch in Anspruch genommen worden. Von ihnen ist kaum jemand nach Österreich oder in die Schweiz oder nach Amerika gegangen. Das hatte sicher auch seinen Grund in der unkomplizierten Aufnahme, die sie in der Bundesrepublik fanden, aber doch wohl auch darin, daß die Bundesrepublik weder Ausland noch Fremde war. Es waren die Millionen DDR-Flüchtlinge, die trotz der östlichen Trennungspolitik immer neue Verbindungen zwischen Ost und West schufen. Jeder Flüchtling, jeder freigekaufte Häftling, jede „Familienzusammenführung“ erzeugte Trennungen von den Freunden und Verwandten, die blieben, und schuf so ständig neue Kontakte über die Grenze hinweg, die freilich im Osten stärker erlebt wurden als im Westen. Denn dort wanderte jemand eher nach Australien aus, als in die DDR zu gehen.

So verstanden ist der Satz „Ich bin Deutscher“ bescheidener als der Satz „Ich bin DDR-Bürger“, denn der enthielt – jedenfalls offiziell – den Anspruch, dem besten Staat der deutschen Geschichte zuzugehören und den geschichtlichen Fortschritt zu repräsentieren, sozusagen: „Am sozialistischen Wesen soll die Welt genesen.“ Es war nicht gut, daß manche sich damit geschmeichelt haben. Wir Deutschen sind nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes, nicht über, sondern neben den anderen Völkern. Wir haben besonders viele Nachbarn. Das verpflichtet uns besonders zur Nachbarschaftlichkeit.

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