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2. Gesellschaft
ÜBERBLICK: REICHSGRÜNDUNG: BISMARCKS DEUTSCHLAND 1866-1890   |   1. DEMOGRAPHISCHE UND ÖKONOMISCHE ENTWICKLUNG   |   2. GESELLSCHAFT   |   3. KULTUR   |   4. RELIGION, BILDUNG, SOZIALWESEN   |   5. POLITIK I: REICHSGRÜNDUNG   |   6. MILITÄR UND INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN   |   7. POLITIK II: PARTEIEN UND POLITISCHE MOBILISIERUNG

Stadt und Land. Wie die „deutsche Landwirtschaft“, so ist auch das „ländliche Deutschland“ eine Abstraktion, die sich nicht aufrechterhalten lässt. Die Lebensweise eines Gutsbesitzers oder eines Tagelöhners auf einem der riesigen getreideanbauenden Gutshöfe in Ostpreußen, die einem Junker gehörten, hatte wenig gemein mit der eines armen Viehzüchters oder Winzers, die sich auf einer winzigen Parzelle im südwestlichen Bundesstaat Baden mühsam durchzuschlagen versuchten. Diese Gruppen profitierten in unterschiedlichem Maße und auf unterschiedliche Weise von der Rationalisierung der deutschen Landwirtschaft, zu der die Einführung neuer landwirtschaftlicher Methoden, des Kunstdüngers und der Mechanisierung zählten. Daher verdient die zunehmende Vielfalt, nicht die Einheitlichkeit der ländlichen Gesellschaft Hervorhebung. Jene Vielfalt erklärt, weshalb Deutsche aus einigen Regionen mit den Füßen abstimmten, ihr unbefriedigendes Leben auf dem Land hinter sich ließen und in die Großstädte zogen. Sie bestimmte auch die lokale Färbung persönlicher Betrachtungen, die während und nach solchen Wanderschaften niedergeschrieben wurden (D1, D2, D3, B1, B2). Jene Betrachtungen wurden gestützt durch Statistiken, die sich auf eine zunehmende Zahl sozialwissenschaftlicher Studien zum ländlichen und städtischen Leben in diesen Jahren beziehen, und sie legen ein hohes Maß an gegenseitiger Durchdringung von Stadt und Land nahe. Die Urbanisierung dessen, was zuvor ein winziges Dorf bei Lübeck gewesen war (D2), veranschaulicht die desorientierende Wirkung, die Mobilität, Maschinen und Märkte auf das ländliche Deutschland hatten.

Klassenbeziehungen und Lebensweisen. Ein Ansatz, um die Auswirkungen dieser gegenseitigen Durchdringung von Stadt und Land einzuschätzen, besteht darin, die neuen Verfahren zu bedenken, mit denen Zeit und Raum gemessen wurden. In den ländlichen Gebieten bestimmte größtenteils noch immer der Rhythmus von Sonne und Jahreszeiten die produktiven und sozialen Aktivitäten. Doch Bauern und Gaststättenbesitzer mussten die Zugfahrpläne und Schichteinteilungen kennen, wenn sie Kunden bedienen wollten, die jenseits des dörflichen Horizonts lebten. Hochzeitsbräuche und Bestattungsriten (D1, D49) auf dem Lande scheinen noch immer nach einer althergebrachten Uhr stattgefunden zu haben – die für junge Stadtbewohner, die in ein Tanzlokal oder eine internationale Kunstausstellung eilten, zu langsam lief. Die einfachen Mahlzeiten und spartanischen Innenräume ländlicher Hütten erscheinen Welten entfernt von den Lebensmittelbudgets und Innenausstattungen bürgerlicher Haushalte in den Städten (D13, D14, D50, D51, D52, D53, D54, D55). Doch den Schein zu wahren erforderte soziale Strategien, die nicht nur veränderlich und unklar, sondern sowohl auf dem Lande als auch in den Städten den Eingriffen „äußerer“ Kräfte unterworfen waren. Zu solchen Kräften zählten der Staat in seinen lokalen, regionalen und nationalen Ausformungen; Rechtsanwälte, Politiker und Sozialtheoretiker sowie Unternehmer, Konsumenten und andere Kreise, für die eine Kommerzialisierung vorrangig war. Während Eltern hofften, dass ihre Kinder Erfolg haben und von ihrem eigenen Verzicht profitieren würden, und in dem Maße, wie die neue Bedeutung von Reichtum – sowohl realem als auch symbolischem – allmählich die Grenzen zwischen den Ständen verwischte, kamen die Konturen einer neuen Klassengesellschaft allmählich in Sicht.


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