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Vierzehn Intellektuelle verurteilen das Attentat auf Dutschke (19. April 1969)

Von der reaktionären Presse aufgestachelt, schoss ein rechtsgerichteter Arbeiter Rudi Dutschke auf der Straße vor seiner Wohnung nieder. Unter Führung des remigrierten Soziologen Theodor Adorno verurteilen vierzehn linke Intellektuelle die Anwendung von Gewalt, die von unverantwortlichen Journalisten gefördert worden sei, und rufen die demokratische Öffentlichkeit zum Widerstand gegen derartige Aktionen auf.

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Die Erklärung der Vierzehn
Öffentliche Stellungnahme zum Mordanschlag auf Rudi Dutschke und zur Pressepolitik des Springer-Konzerns

Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres hat blutige Gewalt die Studenten getroffen. So isoliert die Hintergründe des Mordanschlags auf Rudi Dutschke auch scheinen mögen, sie enthüllen den Zustand unserer Gesellschaft. Angst und mangelnde Bereitschaft, die Argumente der studentischen Opposition ernst zu nehmen, haben ein Klima geschaffen, in dem die gezielte Diffamierung einer Minderheit zur Gewalttätigkeit gegen sie aufreizen muß.

Dieses Klima ist systematisch vorbereitet worden von einer Presse, die sich als Hüterin der Verfassung aufführt und vorgibt, im Namen der Ordnung der Mehrheit zu sprechen, mit dieser Ordnung aber nichts anderes meint als ihre Herrschaft über unmündige Massen und den Weg in einen neuen, autoritätsbestimmten Nationalismus. Das Bündnis von bedenkenlosem Konsumjournalismus und wiederauflebender nationalistischer Ideologie, das die demokratisch engagierten Studenten und Intellektuellen seit Jahren als ‚Linksmob’, ‚Eiterbeule’, ‚akademische Gammler’, ‚Pöbel’, ‚geistige Halbstarke’, ‚Neurotiker’, ‚Schreier’ und ‚Schwätzer’ verunglimpft, droht das Selbstverständnis der Deutschen in einer Welt der friedlichen Verständigung, der fortschreitenden Aufklärung und Zusammenarbeit auch zwischen verschiedenen Gesellschaftssystemen abermals zu zerstören. Leitartikel des Springer-Konzerns forderten schon Anfang 1967 dazu auf, die Stadt Berlin vom ‚immatrikulierten mobilisierten Mob’ zu befreien. Es muß darum schärfstens der Erklärung des Springer-Verlages widersprochen werden, er habe die sachliche Auseinandersetzung gesucht.

Die Unterzeichneten fordern darum, endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten. Sie erklären sich mit den Studenten solidarisch, rufen aber gleichzeitig dazu auf, sich bei allen Aktionen der Gewalt zu enthalten und der Angemessenheit der Mittel bewußt zu bleiben. Sie fordern die demokratischen Kräfte in unserem Lande, insbesondere an den Universitäten und Technischen Hochschulen dazu auf, dem Problem einer demokratischen Öffentlichkeit vermehrte Aufmerksamkeit zu widmen und dabei mitzuwirken, ein vertieftes Bewußtsein der Gefährdung unserer innenpolitischen Lage zu schaffen.



Quelle: Theodor Adorno, Hans Paul Bahrdt, Heinrich Böll, Peter Brückner, Ludwig von Friedeburg, Walter Jens, Eugen Kogon, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, Hans Dieter Müller, Heinrich Popitz, Helge Pross, Helmut Ridder und Hans-Günther Zmarzlik, „Die Erklärung der Vierzehn“, Die Zeit, 19. April 1969; abgedruckt in Wolfgang Kraushaar, Hg., Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995. Hamburg, 1998, Bd. 2, S. 363.

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