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Hans Kehrl beschreibt die uneinheitliche und ineffiziente Wirtschaftsleitung im Herbst 1940 (Rückblick, 1973)
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Es erschien mir völlig sinnlos, auf General von Hanneken einwirken zu können. Trotz seiner martialisch wirkenden Figur war er zaghaft, scheute Verantwortung und war ängstlich bemüht, nicht durch Widerspruch aufzufallen. Initiativen waren von seiner Seite nicht zu erwarten. Die genannten Tendenzen, die von Körner angedeutet oder von Hitler für richtig gehalten wurden, hielt ich für verfehlt und für unser Volk in höchstem Maße lebensbedrohend. Ich gewann zunehmend den Eindruck, daß wir dabei waren, einen Weltkrieg zu führen, ohne eine Reichsregierung zu haben, die daran dachte, nun auch den Wirtschafts- und Kräfteeinsatz des ganzen Volkes zu mobilisieren. Sicherlich kam dem Reichswirtschaftsministerium unter den zivilen Behörden hierbei die größte Bedeutung zu. Und wenn hier schon völlige Führungslosigkeit herrschte, so würde es wohl in anderen Ressorts kaum besser aussehen. Das wollte ich aber näher erkunden. [ . . . ]

Ich sprach sodann mit Staatssekretär Stuckart aus dem Reichsministerium des Innern. [ . . . ] Ich schilderte ihm meine große Besorgnis darüber, daß wir, kraß ausgedrückt, in einem Kampf auf Leben und Tod keine funktionierende Reichsregierung hatten, sondern nur aufgesplitterte Funktionswahrnahme durch die einzelnen Reichsminister, die ohne allgemeine Orientierung nur als Fachressortleiter tätig waren. Hitler war fast nie in Berlin, hielt auch keine Kabinettssitzungen ab, noch übte er – wie wir das heute nennen würden – eine »Richtlinienkompetenz« aus. Es schien noch nicht einmal eine ausreichende Unterrichtung des »Führers und Reichskanzlers« von unten her zu erfolgen. Nach meinen Eindrücken gab es nur punktuelle, oft zufällige Informationen und punktuelle Weisungen. Daher konnte nach meiner Überzeugung der »Führer und Reichskanzler« auch nur unvollständig und zufällig und sicher nicht methodisch unterrichtet sein.

Ich hoffte, Stuckart zu Widerspruch oder Richtigstellung provozieren zu können. Er stimmte mir aber leider im großen und ganzen vorsichtig zu. Er strebte selbst eine Besserung dieser unbefriedigenden Verhältnisse an und stände deshalb mit Lammers in Verbindung. Wenn, wie für die nächste Zeit zu erwarten war, die militärischen und politischen Ereignisse weniger turbulent würden, ließe sich wohl doch noch eine Besserung erreichen. Er versuchte mich zu beruhigen. Also auch nichts!

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Quelle: Hans Kehrl, Krisenmanager im Dritten Reich: 6 Jahre Frieden, 6 Jahre Krieg: Erinnerungen. Düsseldorf, 1973, S. 202-05.

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