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Umfragen deuten auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl auch nach vier Jahrzehnten der Teilung hin (23. Oktober 1989)

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Wir tasteten uns mit neuen Fragen an eine Gemütsverfassung der Deutschen heran, die einmal beschrieben worden ist mit dem Ausdruck: „Im Wartezimmer der Geschichte“. Anfang 1989 legten die Interviewer die Abbildung eines Mannes vor, der gerade sagte: „Für die deutsche Einheit muß man eintreten, auch wenn sie nicht sofort zu erreichen ist. Bei großen Zielen muß man in Kauf nehmen, daß man ihre Erfüllung selbst nicht mehr erlebt.“ Die Frage im Interview dazu lautete: „Würden Sie dem zustimmen oder nicht zustimmen?“ – „Zustimmen“, antworteten 61 Prozent, „nicht zustimmen“ 20 Prozent, unentschieden blieben 19 Prozent.

Ebenfalls Anfang 1989 wurde gefragt: „Ist die deutsche Frage noch offen, oder ist sie nicht mehr offen?“ Wir waren besorgt, ob diese Frage mit dem einschlägigen Terminus der Deutschlandpolitik, „deutsche Frage noch offen“, sich nicht zu weit von unserem Ideal entfernte: Eine demoskopische Frage soll so sein, daß sie ein Nachbar dem anderen über den Gartenzaun stellen kann. Aber der Bevölkerung schien die Terminologie keine Schwierigkeit zu bereiten. 51 Prozent sagten, die deutsche Frage sei noch offen, 24 Prozent, sie sei nicht mehr offen, 25 Prozent blieben unentschieden – bei einer so schwierigen Frage kein ungewöhnlich hoher Anteil.

Schließlich hieß es in zwei parallel laufenden Umfragen Anfang 1989: „Wie ist Ihr Gefühl: Sind die Menschen in der DDR eher Landsleute oder eher Fremde?“ – „Eher Landsleute“, sagten 71 Prozent, „eher Fremde“ 17 Prozent, bei 12 Prozent Unentschiedenen. Und: „Wenn Sie an die Leute in der DDR denken: Sind sie für Sie Deutsche, die nur in einem anderen Teil von Deutschland leben, oder sind das für Sie genauso Ausländer, wie zum Beispiel Schweizer oder Österreicher?“ – „Sind für mich Deutsche“, sagten 79 Prozent, „Ausländer“ 13 Prozent, unentschieden blieben 8 Prozent.

Die Schwarzmeer-Frage, die Frage nach der Präambel – all diese fast zwei Jahrzehnte hindurch beobachteten demoskopischen Trends, die man von außen nicht sehen konnte, sondern nur in den nüchternen Tabellen, waren plötzlich, über Nacht, im September kein Papier mehr, sondern verwandelten sich in Wirklichkeit, der man in Fernsehbildern folgen konnte. Selbst komplizierte Fragen werden unter dem Eindruck der Ereignisse von gut zwei Dritteln der Bevölkerung in eigentümlich hoher Übereinstimmung beantwortet.

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Aber die Naivität, mit der viele seit Mitte der fünfziger Jahre erwarteten, man könne eine Bevölkerung einfach spalten, wie man ein Holzscheit spaltet, das ist wohl schon jetzt ein abgeschlossenes Kapitel.



Quelle: Elisabeth Noelle-Neumann, „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist stark geblieben“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Oktober 1989, S. 13.

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