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Der Bruch der Koalition im Spiegel politischer Kommentatoren (18. September 1982)

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III. „Das Ende einer Epoche?“ (Werner Holzer, Frankfurter Rundschau, 18. September 1982)


[ . . . ] Der Versuch zweier Parteien, sich nicht nur aus taktischen und strategischen Gründen zusammenzutun, sondern durch das Zusammenfügen zweier gesellschaftspolitischer Theorien neue Mehrheiten zu schaffen, war ein großes und notwendiges Experiment. Daran kann das langsame und streckenweise peinliche Scheitern nichts ändern. Wenn eine große Sozialdemokratische Partei bereit war, sich von einem kleineren Partner wegführen zu lassen von der Grundüberzeugung, daß staatliche Steuermechanismen schon der halbe Weg zur Problemlösung seien, so war das ein ebenso einschneidender Schritt, wie die Bereitschaft der Liberalen in Zukunft nicht mehr ausschließlich auf das Durchsetzungsvermögen der Stärkeren und Aktiveren zu setzen. Hier lag die historische Bedeutung des Bündnisses zwischen SPD und FDP im Jahre 1969. [ . . . ]

Niemand kann sich wundern, wenn 13 Jahre später der Lack dieser Grundsatz-Entscheidung an manchen Stellen abgeplatzt war. Nichts, was mit Menschen zu tun hat, kann sich von Abnutzungserscheinungen freihalten. Das gilt ganz sicher auch für Politiker und parlamentarische Bündnisse. Die krisenhafte Entwicklung der Weltwirtschaft und die Vereisung des internationalen Klimas überhaupt konnten an der Koalition und an diesem Land nicht spurlos vorübergehen. Eigene Fehler haben den Verschleiß-Prozeß dann beschleunigt. Aber wenn auch der Schwung des Anfangs erlahmt war, wenn die rauhe Wirklichkeit das Bündnis am Ende eingeholt hat, ändert das nichts an der Tatsache, daß die politische Idee dieses Zusammengehens nicht nur 1969 richtig war, sondern auch noch heute richtig ist. [ . . . ]


Quelle: Hans Hermann Hartwich, „Der Bruch der sozialliberalen Koalition im September 1982“, Gegenwartskunde. Heft 4, 1982, S. 491-502.

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