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Der Bruch der Koalition im Spiegel politischer Kommentatoren (18. September 1982)

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II. „Das Ende einer Ära“ (Fritz Ullrich Fack, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. September 1982)


[ . . . ] Ein gerechtes Urteil über diese zweite große zusammenhängende Periode deutscher Politik in der Nachkriegszeit zu fällen bleibt den Historikern vorbehalten. Die Zeitgenossen sind nur legitimiert, sich über die Ursachen des Verfalls, eines am Ende wahrhaft dramatischen Verfalls, Rechenschaft abzulegen. Und da wird es nicht wenige geben, die die Schuld vorwiegend im Ökonomischen suchen werden: in der ganzen Deklination von Ölkrisen, Haushaltsmiseren und wirtschaftlicher Auszehrung, im Verfall der Innovationskraft, in Pleiten und steigenden Arbeitslosenzahlen, in Sanierungssackgassen und Verteilungskämpfen.

Das war so, gewiß, und es hat allemal etwas für sich – wie wir aus den Krisen der ersten deutschen Republik wissen –, politische und ökonomische Entwicklungen in enger Verbindung zu sehen. Aber es kam von Anfang an etwas anderes hinzu: Das Kennzeichen der verflossenen Ära war ein überwölbender ideologischer Druck, eine zeitweise höchst erfolgreiche Bewußtseinsveränderung in weiten Teilen des Volkes. Eine Art Taumel des Fortschritts, beflügelt von einem massiven personellen Schub in allen Einrichtungen der Sozialisation, vom Kindergarten bis zur Universität, der das Land mit vorwiegend sozialistischem Gedankengut durchtränkte.

Hier hat der eigentliche Erwartungszusammenbruch stattgefunden, und zwar lange bevor die politischen Krisen sich ankündigten. Die Ende der siebziger Jahre vieldiskutierte „Tendenzwende" hat in Wahrheit niemals stattgefunden. Nicht eine konservative Gegenrevolution hat diese Republik ins Unglück gestürzt, sondern ein politischer, geistiger und am Ende – man denke an die Skandale um große Gewerkschaftsunternehmen – auch ein moralischer Erosionsprozeß. Ideale und Wirklichkeit begannen immer mehr auseinanderzuklaffen, mit der Folge, daß vor allem in der jungen Generation die Radikalisierung rasch fortschritt. Hier hatte freilich eine fortschrittliche Pädagogik den Boden bereitet, indem sie den Konflikt als gesellschaftlichen Normalfall, die Toleranz hingegen als eine Art Schwäche gegenüber der Reaktion abmalte. [ . . . ]


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