GHDI logo

Walter Ulbricht: Ein kommunistischer Lebenslauf (1973)

Seite 3 von 3    Druckfassung    zurück zur Liste      nächstes Dokument


Im Jahre 1949 war die sowjetische Besatzungszone Deutschlands auf die Bahn des sozialistischen Aufbaues und unter vollständiger Kontrolle einer stalinistischen Kaderpartei neuen Types gebracht. Mit welchen fluchwürdigen Mitteln Walter Ulbricht als Statthalter dabei vorgegangen war, hat sich so tief in das deutsche Bewußtsein eingegraben, daß kein Wort darüber verloren zu werden braucht. Nun konnte mit dieser Zone Staat gemacht werden.

Je mehr der deutsche „Arbeiter-und-Bauern-Staat" an Eigengewicht gewann – besonders nach seiner Einmauerung am 13. August 1961 –, desto mehr war an seinem Schöpfer und Organisator Ulbricht ein Wandel zu beobachten. Gewiß war der Siebziger Ulbricht, ebenso wie vor ihm Staatspräsident Wilhelm Pieck, im Alter ganz normalerweise für landesväterliches Gehabe anfällig. Und gewiß nahm im Westen Deutschlands die politische Geneigtheit zu – sei es aus Müdigkeit, Bequemlichkeit oder aus Masochismus – Ulbricht in einem besseren Lichte zu sehen. Aber neben solchen Faktoren war eine objektive Veränderung an ihm wirksam geworden. Seine Anschauungen haben sich dabei nicht verändert, wohl aber ihr Bezugspunkt. Denn der Staat DDR, als dessen Schöpfer er sich fühlte, obwohl seine Macht nur geborgt gewesen war, galt ihm zunehmend mehr als das sowjetische „Vaterland der Werktätigen".


Prioritätsänderung

Ulbricht wußte zuletzt, daß ein Staat mehr ist als ein Instrument zur sozialistischen Umgestaltung in den Händen einer dazu entschlossenen Partei. Er spürte, daß ein Staat eine eigene Qualität und eine eigene Würde besitzt und daß er eine eigene Loyalität forderte. Niemand weiß, wie sehr ihm diese Erkenntnis in seinem letzten Lebensjahrzehnt selbst bewußt geworden ist, aber es wurde immer deutlicher, daß er danach handelte. In seiner letzten großen Rede vor dem Zentralkomitee kurz vor seiner Absetzung kam die Partei und ihre sogenannte „führende Rolle“ kaum noch vor; nur vom „System“ und seiner Entwicklung war noch die Rede. Kein Wunder, daß die Direktorin der Parteihochschule „Karl Marx“ dem neuen Parteichef, der alles dies wieder zurücknahm, bei seinem ersten Besuch um den Hals fiel.

Für Ulbricht, den Staatsratsvorsitzenden, war die Deutsche Demokratische Republik zur Hauptaufgabe geworden, nicht mehr der Dienst an der kommunistischen Weltbewegung und ihrem Zentrum in Moskau. Weil diese Prioritätsänderung nicht geduldet werden konnte – nicht, weil er zu alt war –, mußte er plötzlich über Nacht kurz vor einem Parteitag, die Macht abgeben. Noch zwei Jahre haben ihn, ehe er starb, die Nachfolger schnöde behandelt. Als der erste Staatspräsident starb, erhielt dessen Geburtsstadt Guben den Beinamen Wilhelm-Pieck-Stadt. Leipzig wird eine Umbenennung erspart bleiben.



Quelle: Ernst-Otto Maetzke, „Ein Staat läutert seinen Organisator. Zum Tode von Walter Ulbricht“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. August 1973.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt von Frankfurter Allgemeine Archiv, www.faz-archiv.de.

erste Seite < vorherige Seite   |   nächste Seite > letzte Seite