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Ratschläge der Regierung zum Verhalten der Deutschen im Ausland (3. August 1978)

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Vorurteil Nummer zwei: „Deutschmark, Deutschmark über alles ...“

Die Räder der Autos und Wohnwagen sind DM-Münzen. Während der auf die Kolonne wartende Südländer auf einem Esel sitzt. Auch hier wird mit dem Stolz auf die Härte der Mark und auf die Tatsache, daß man „eine der stärksten Wirtschaftsnationen“ ist, die Nutzanwendung für die erwünschte Konversation gezogen: Die Nachbarn profitierten gleichfalls von der Mark, zum Beispiel durch die Urlauber, aber auch von dem überwiesenen Geld der Gastarbeiter. „Und was die starke Stellung unserer Wirtschaft betrifft: Sie beruht nicht auf einem Wunder, sondern ist das Ergebnis der Arbeit aller und des sozialen Klimas, das wir gemeinsam erreicht haben.“

Vorurteil Nummer drei: „Die Deutschen wissen immer alles besser.“

Da steht ein Musterknabe mit der Michel-Mütze vor einer international zusammengewürfelten Schulklasse, sieht aus wie ein Enkel Helmut Schmidts. So soll der Protzerei im Ausland entgegengetreten werden. Es gibt ja diese Deutschen tatsächlich, die alles besser wissen: „Wie man richtig Fußball spielt, wie richtige Autos gebaut werden, wie richtiger Kaffee schmecken muß und überhaupt ...“ Als Anregung zum Gespräch: Offene Worte unter Nachbarn seien nötig, umgekehrt sollten die Deutschen auch von den anderen lernen, und ein bißchen Zurückhaltung könne selbst unter guten Freunden nicht schaden.

Vorurteil Nummer vier: „Die Deutschen ordnen alles. Mit Sicherheit.“

Da steht ein deutscher Spießtyp von einst in der Badehose inmitten seiner Sandburg und kommandiert Frau, Kinder und Hund unter dem Stichwort „Trautes Heim, Glück allein“, und die Sandfestung ist mit Steinchen geschmückt: Burg, Burgfrieden.“ Ein paar Fremde schauen staunend zu. Zu dem Vorurteil wird eingeräumt: „Zugegeben: wir Deutschen sind ganz schön ordnungsliebend und haben es nicht immer leicht, dafür Verständnis bei den Nachbarn zu finden.“ Hier werden die Urlauber auf mögliche politische Kontroversen, vor allem mit Franzosen oder Italienern, wegen der „Berufsverbote“ vorbereitet. Die Freizeitdiplomaten sollen wissen: „Es gibt bei uns kein Berufsverbot. Auch dann nicht, wenn jemand extreme Meinungen vertritt. Aber unsere Beamtengesetze sehen vor, daß Gegner des demokratischen Staates nicht im Staatsdienst beschäftigt werden dürfen.“ Auf die Kritik draußen und drinnen an der Überprüfungspraxis für Beamtenbewerber wird eingegangen (auch dieser Satz wird der Opposition nicht schmecken): „Inzwischen sollten wir uns allerdings fragen, ob einige in unserem Land die Überprüfung von Bewerbern für den öffentlichen Dienst nicht übertreiben. Überzogene Reaktionen der Verwaltungen verdienen mit Recht Kritik.“ [ . . . ]

Die Ferienaufklärung des Presse- und Informationsamtes der Regierung kostet etwa zwei Millionen Mark. Sie wird fünf Wochen lang in Illustrierten mit einer Auflagenhöhe von sechs Millionen Exemplaren erscheinen. Doch es bleibt die Frage, wie die meisten der Urlauber sich in der Sprache der bevorzugten Ferienländer verständlich machen sollen: denn Spanisch, Italienisch, Serbokroatisch sind anders als Englisch und Französisch hierzulande noch Fremdsprachen in des Wortes wahrer Bedeutung. So wird vielleicht mancher die Urlaubsbotschaft Bonns lesen, allein, ihm fehlt dann die Sprache, um Botschafter werden zu können.


Quelle: Helmut Herles, „Deutschmark, Deutschmark über alles…,“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. August 1978.

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