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Walther Rathenau, „Höre, Israel!” (1897)
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Was also muß geschehen? Ein Ereignis ohne geschichtlichen Vorgang: die bewußte Selbsterziehung einer Rasse zur Anpassung an fremde Anforderungen. Anpassung nicht im Sinne der »mimicry« Darwins, welche die Kunst einiger Insekten bedeutet, sich die Farbe ihrer Umgebung anzugewöhnen, sondern eine Anartung in dem Sinne, daß Stammeseigenschaften, gleichviel ob gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, daß sie den Landesgenossen verhaßt sind, abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden. Könnte zugleich durch diese Metamorphose die Gesamtbilanz der moralischen Werte verbessert werden, so wäre das ein erfreulicher Erfolg. Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein. Und zwar wird sich zunächst ein Zwischenstand bilden müssen, der, von beiden Seiten anerkannt, ein Trennung- und Verbindungsglied zwischen Deutschtum und Stockjudentum vorstellt: ein jüdisches Patriziertum – nicht des Besitzes – sondern der geistigen und körperlichen Kultur. Dieser Stand wird durch seine Wurzeln von unten herauf immer neue Nahrung aufsaugen und mit der Zeit alles verarbeiten, was an umwandlungsfähigem und verdaulichem Material vorhanden ist.



Quelle: Walther Rathenau, „Höre Israel!”, in Die Zukunft 5 (1897), S. 454-62.

Abgedruckt in Jürgen Schutte und Peter Sprengel, Die Berliner Moderne 1885-1914. Stuttgart, 1987, S. 172-77.

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