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7. Übergänge: Von der Bonner zur Berliner Republik
ÜBERBLICK   |   1. VON DER TEILUNG ZUR EINHEIT   |   2. DIE VEREINIGUNGSKRISE   |   3. NORMALITÄT UND IDENTITÄT   |   4. DEUTSCHLAND IN DER WELT   |   5. DER ABBAU DES REFORMSTAUS   |   6. POLITIK IM VEREINTEN DEUTSCHLAND   |   7. ÜBERGÄNGE: VON DER BONNER ZUR BERLINER REPUBLIK

Im Jahr 1990 wurde von den Politikern der Bundesrepublik Deutschland innen- und außenpolitische Kontinuität beschworen. Von der Warte des Jahres 2010 aus gesehen, zeigt sich jedoch, dass sich für die Bundesrepublik und ihre Bürger viel mehr verändert hat, als man vor zwei Jahrzehnten voraussehen konnte. Die Vereinigung kam mit rasanter Geschwindigkeit und ihre Konsequenzen betrafen die Bürger der ehemaligen DDR in nahezu allen Lebensbereichen. Politische, wirtschaftliche und soziale Reformen in Gesamtdeutschland kamen im Vergleich dazu eher zögerlich voran, sind aber in ihren langfristigen Auswirkungen nicht weniger wichtig. Gleichzeitig nahmen der außenpolitische Spielraum und das internationale Gewicht Deutschlands schrittweise zu.

Der oftmals wahrgenommenen Krisenhaftigkeit der Jahre steht entgegen, dass trotz aller Schwierigkeiten die Bürger in Ost und West zu einem Modus der Gemeinsamkeiten gefunden haben, ohne die demokratische Grundordnung ins Wanken zu bringen. Auf der internationalen Bühne hat Deutschland seinen Platz als verantwortlicher und kooperativer Staat in Europa und der Welt gefestigt und erfolgreich Ängste hinsichtlich einer neuen Vormachtstellung Deutschlands in Europa entschärfen können. Die Normalisierung des internationalen Status der Bundesrepublik hat wichtige Fortschritte gemacht und das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat spiegelt ein neues Nationalbewusstsein wider, das Kritik und Stolz, Heimatliebe und weltpolitische Offenheit in individuell gefärbte Gemengelagen einbringt.

Der Abschied von der Bonner Republik und die Ankunft in der neuen Bundesrepublik war kein abrupter Vorgang, sondern eine evolutionäre Anpassung an neue nationale wie internationale Bedingungen entlang eines Kontinuums. Es ist leichter, retrospektiv die Charakteristika der Bonner Republik als bereits jene der Berliner Republik zu bestimmen (33). Die vergangen zwei Jahrzehnte waren eine Zeit des Übergangs, die gerade dann eintrat, als man sich in der alten Bundesrepublik eingerichtet hatte. Auch deshalb waren viele politische Entscheidungen in erster Linie Antwort auf Änderungen im nationalen und internationalen Umfeld und nicht Teil einer Strategie, sieht man davon ab, dass stets versucht wurde, Wandel mit Kontinuität in Einklang zu bringen.


Helga A. Welsh und Konrad H. Jarausch


(33) Roland Czada, „Nach 1989. Reflexionen zur Rede von der ‚Berliner Republik’“, in Roland Czada und Hellmut Wollmann, Hg., Von der Bonner zur Berliner Republik. 10 Jahre Deutsche Einheit. Sonderheft von Leviathan 19/1999, S. 13-45. Gunter Hofmann, Abschiede, Anfänge. Die Bundesrepublik – eine Anatomie (München, 2002); Hans Jörg Hennecke, Die dritte Republik. Aufbruch und Ernüchterung (München, 2002); Werner Süß, Hg., Deutschland in den neunziger Jahren. Politik und Gesellschaft zwischen Wiedervereinigung und Globalisierung (Opladen, 2002); Winand Gellner und John D. Robertson, Hg., The Berlin Republic. German Unification and a Decade of Changes (London und Portland, OR, 2003); James Sperling, Hg., Germany at Fifty-Five. Berlin ist nicht Bonn? (Manchester, UK, und New York, 2004).

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