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3. Kultur
ÜBERBLICK: REICHSGRÜNDUNG: BISMARCKS DEUTSCHLAND 1866-1890   |   1. DEMOGRAPHISCHE UND ÖKONOMISCHE ENTWICKLUNG   |   2. GESELLSCHAFT   |   3. KULTUR   |   4. RELIGION, BILDUNG, SOZIALWESEN   |   5. POLITIK I: REICHSGRÜNDUNG   |   6. MILITÄR UND INTERNATIONALE BEZIEHUNGEN   |   7. POLITIK II: PARTEIEN UND POLITISCHE MOBILISIERUNG

Kunstbewegungen und Individualismus. Hermann Muthesius, ein früher Pionier des deutschen Modernismus in der Architektur, nannte das 19. Jahrhundert einmal das „unkünstlerische Jahrhundert“. Es mag zutreffen, dass der deutsche Realismus weniger schöpferische Durchbrüche hervorbrachte als die Romantik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder der Expressionismus der Wilhelminischen Zeit. Die Malerei des Realismus griff häufiger auf die Konventionalität des Biedermeier zurück als auf die Rebellion der Romantik. Nichtsdestoweniger veranschaulichen die in diesem Abschnitt enthaltenen Bilder und Texte, dass Deutschlands kulturelle Institutionen regional verstreut und immun gegenüber der Kontrolle von oben blieben. Künstler suchten, aber fanden nie eine charakteristische, in sich geschlossene Form der „deutschen“ Kunst, die als Spiegelbild der politischen „Einheit“ des Nationalstaats nach 1871 dienen konnte.

Deutschlands Bundesstaaten (und Gemeinden) setzten ihre eigene Kulturpolitik fest, um den „Publikumsgeschmack“ auszudrücken und zu wahren. Diese politischen Maßnahmen wurden nach 1890 noch bedeutender, als Sex-, Kriminal- und Abenteuergeschichten eine Sittlichkeitsbewegung auf den Plan riefen – was in Bismarcks Deutschland kaum notwendig gewesen war. Im Gegensatz zu Frankreich mit seiner unumstrittenen Kulturhauptstadt Paris konnte Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts viele künstlerische Schaffenszentren vorweisen statt eines allein maßgeblichen. Dresden und München lagen an der Spitze, doch die neue politische Hauptstadt Berlin machte sich allmählich ebenfalls einen Namen als Kulturzentrum. Behinderte das Fehlen eines einmaligen Mittelpunkts des künstlerischen Schaffens auch die Entwicklung eines in sich geschlossenen deutschen Stils, so sorgte es doch für eine Vielfalt, die den persönlichen Eigenarten einzelner Künstler Platz bot. Einige Kunstschaffende verließen selbst diese Kunstzentren und entwickelten einen leichteren Stil der Freilichtmalerei („Pleinair“) (B25, B27). Andere folgten den Bauern in winzige Hütten auf dem Land und in rustikale Gasthäuser, um sie in ihrem Alltagsumfeld zu malen (B21, B22, B23).


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