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Überblick: Das Wilhelminische Deutschland 1890-1914
ÜBERBLICK: DAS WILHELMINISCHE DEUTSCHLAND 1890-1914   |   I. WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG   |   II. GESELLSCHAFT UND KULTUR   |   III. "MODERNES LEBEN": DIAGNOSEN, ENTWÜRFE, ALTERNATIVEN   |   IV. STAAT UND GESELLSCHAFT   |   V. POLITIK   |   VI. AUSSENPOLITIK   |   DEUTSCHLAND IM KRIEG 1914-1918   |   I. DIE KÄMPFE   |   II. MOBILISIERUNG DER HEIMATFRONT   |   III. ENTBEHRUNGEN UND UNRUHEN AN DER HEIMATFRONT   |   IV. DER WEG ZUM KRIEGSENDE

Keine Epoche der neueren deutschen Geschichte hat so viele Kontroversen entfacht wie die Zeitspanne von der Entlassung Otto von Bismarcks im März 1890 bis zum Kriegsausbruch 1914. In der Zwischenkriegszeit stand das Deutsche Kaiserreich im Mittelpunkt der Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkrieges. Nach 1945 konzentrierte sich die Diskussion zusehends auf die Frage, inwieweit das Kaiserreich auf einer historischen Kontinuitätslinie hin zum Nationalsozialismus zu lokalisieren sei. In den Siebzigerjahren war es schließlich allgemein üblich geworden, die Ursprünge des Dritten Reichs direkt auf die vielfältigen Spannungen und Widersprüche des Deutschen Kaiserreichs zurückzuführen. In der einflussreichsten Stellungnahme zu dieser Auslegung beschrieb der westdeutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler das Kaiserreich als ein durch tiefe innere Brüche gekennzeichnetes gesellschaftliches und politisches System, in welchem wesentliche Grundzüge der Vormoderne bis ins moderne, industrielle Zeitalter fortbestanden. Die Verfassungsstruktur des Deutschen Kaiserreichs war in entscheidenden Punkten autokratisch geblieben. Die führende Schicht, der grundbesitzende preußische Adel, beherrschte nicht nur die Armee und die Staatsorgane, sondern prägte auch allgemeine Werte und Einstellungen, während das Land zugleich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung durchlief. Das Ergebnis dieser ungleichen Kräfteverteilung waren zunehmende innenpolitische Spannungen. Trotz der zahlreichen Forderungen nach Demokratie, sei es aus der fortschrittlichen Mittelklasse, den Frauenorganisationen oder der Arbeiterbewegung, klammerten sich die herrschenden Schichten hartnäckig an die Macht. Letztlich, so lautet die Argumentation weiter, hätten sich die politischen Eliten Deutschlands des Kriegseintritts 1914 als einer Überlebensstrategie bedient – in der Hoffnung, ein militärischer Sieg würde die schwankenden Fundamente ihrer eigenen Macht stützen.

Diese Deutung war ihrerseits heftiger Kritik ausgesetzt, zum Teil, weil sie eng mit unhaltbaren Vorstellungen darüber verknüpft zu sein scheint, wie die Modernisierung eines Landes vonstatten zu gehen habe. Überdies zeigt sie die Tendenz, die Dynamik des Deutschen Kaiserreichs zu unterschätzen, das viele Zeitgenossen als das modernste Land Europas betrachteten – ein Staat, dessen wirtschaftliche Entwicklung, sozialer Wandel und kulturelle Leistungen unübertroffen waren und in dem eine Mischung aus autoritärer und demokratischer Herrschaft eine leistungsfähige und effektive Regierung hervorbrachte. Wenn das Deutsche Kaiserreich dennoch unter Spannungen gelitten habe, so besagt eine andere Interpretation, dann sei dies durch die Geschwindigkeit des Wandels verschuldet gewesen – mit anderen Worten, dem raschen Einsetzen der Moderne selbst.

Der vorliegende Quellenband wendet sich der zweiten Hälfte des Kaiserreichs zu, in deren Verlauf das schnelle Voranschreiten industrieller Entwicklung, sozialer Gärung und kulturellen Wandels immer drängendere Probleme schuf. Der neue deutsche Kaiser Wilhelm II., der dieser Ära seinen Namen gab, schien in vielerlei Hinsicht sowohl die impulsiven Energien als auch die Widersprüche der deutschen Entwicklung zu verkörpern. Die Quellen behandeln in erster Linie die überstürzte Dynamik des Landes. Sie sollten jedoch in Verbindung mit dem vorangehenden Band gelesen werden, in welchem die Probleme der Verfassung, die vermeintliche Ursache der vormodernen Spannungen in Deutschland, eine größere Rolle spielen.


Weiterführende Literatur:

Volker Berghahn, Das Kaiserreich 1871-1914: Industriegesellschaft, bürgerliche Kultur und autoritärer Staat. Stuttgart, 2003.

David Blackbourn und Geoff Eley, The Peculiarities of German History: Bourgeois Society and Politics in Nineteenth-Century Germany. Oxford und New York, 1984.

Roger Chickering, Hg., Imperial Germany: A Historiographical Companion. Westport, CT, 1996.

Matthew Jefferies, Imperial Culture in Germany, 1871-1918. Houndmills und New York, 2003.

Wolfgang Mommsen, Bürgerstolz und Weltmachtstreben 1890-1918. Berlin, 1995.

Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918 (2 Bände), München, 1990-92.

Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervosität: Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München und Wien, 1998.

Volker Ullrich, Die nervöse Grossmacht: Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918. Frankfurt am Main, 1997.

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte: Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914. München, 1995.

Hans-Ulrich Wehler, Das deutsche Kaiserreich 1871-1918. Göttingen, 1973.


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